Ein neuer Lebensabschnitt – mit Herausforderungen und Chancen
Stell dir vor, du wirst 18 und musst plötzlich alles allein regeln: Wohnung, Job, Finanzen. Für viele junge Menschen ist das ein aufregender Schritt. Doch für Care Leaver – junge Erwachsene, die in Pflegefamilien oder Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen sind – ist dieser Übergang oft besonders herausfordernd. Warum? Weil sie häufig ohne das klassische Sicherheitsnetz einer Familie auskommen müssen.
Eine aktuelle Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien zeigt: 86 % der Fachkräfte sehen bei mindestens der Hälfte der Care Leaver einen Bedarf an Hilfen für junge Erwachsene (HfjE). Doch nur ein Drittel gibt an, dass diese Hilfen immer gewährt werden, wenn sie fachlich sinnvoll wären.
Was bedeutet das für die Betroffenen? Und wie können Gemeinden und Institutionen sie besser unterstützen?
Care Leaver: Wer sind sie und was brauchen sie?
Care Leaver sind junge Menschen, die einen Teil ihres Lebens außerhalb ihrer Herkunftsfamilie verbracht haben – sei es in einer Pflegefamilie, einer Wohngruppe oder einer anderen Betreuungsform. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit endet für viele die Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfe. Doch genau dann beginnt für sie eine kritische Phase:
- Wohnen: Viele haben keine sichere Wohnsituation.
- Bildung & Beruf: Ohne familiäre Unterstützung fällt der Einstieg in Ausbildung oder Job schwerer.
- Finanzen: Eigenes Einkommen ist oft knapp, und Rücklagen fehlen.
- Soziales Netzwerk: Freundschaften und vertraute Bezugspersonen gehen verloren, wenn die Betreuung endet.
Die Studie betont: Care Leaver sind keine homogene Gruppe. Manche schaffen den Übergang gut, andere kämpfen mit psychischen Belastungen, Armut oder Wohnungslosigkeit. Doch eines haben sie gemeinsam: Sie brauchen verlässliche Unterstützung – und zwar individuell angepasst.
Was die Studie sagt: Hilfen für junge Erwachsene (HfjE) sind entscheidend
Die Hilfen für junge Erwachsene (HfjE) sollen genau hier ansetzen. Sie können bis zum 21. Lebensjahr (in einigen Bundesländern wie dem Burgenland sogar bis 24) gewährt werden – wenn sie im Hilfeplan als notwendig eingestuft werden. Doch die Realität sieht oft anders aus:
Das funktioniert gut:
- Viele Fachkräfte erkennen den Bedarf und setzen sich für die Gewährung ein.
- In einigen Bundesländern gibt es bereits Coming-Back-Optionen, die es Care Leavern ermöglichen, bei Krisen vorübergehend in die Betreuung zurückzukehren.
- Pflegefamilien bieten oft langfristige Bindungen, die den Übergang erleichtern.
Hier hapert es noch:
- Restriktive Gewährungspraxis: Hilfen werden oft nur unter Bedingungen (z. B. Ausbildung) bewilligt – dabei brauchen Care Leaver manchmal erst einmal Stabilität, um überhaupt eine Ausbildung anzufangen.
- Intransparente Verfahren: Viele Jugendliche wissen nicht, welche Ansprüche sie haben.
- Regionale Unterschiede: Die Unterstützung hängt stark davon ab, in welchem Bundesland man lebt.
„So lange wie nötig, so kurz wie möglich“ – dieser Grundsatz sollte Leitfaden sein. Doch aktuell hängt vieles vom Goodwill Einzelner ab. Das kann nicht die Lösung sein.
Was Care Leaver selbst sagen: „Wir wollen gehört werden!“
Die Studie hat nicht nur Fachkräfte, sondern auch Care Leaver selbst befragt. Ihre Stimmen zeigen:
„Ich hätte mir gewünscht, dass jemand mit mir über meine Zukunft spricht – nicht erst kurz vor dem 18. Geburtstag.“
„Man fühlt sich plötzlich allein gelassen. Plötzlich muss man alles selbst machen – aber wer zeigt mir, wie das geht?“
„Ich will nicht als ‚Problemfall‘ gesehen werden. Ich will Chancen.“
Ihre wichtigsten Forderungen:
- Frühere Vorbereitung: Schon ab 16 sollten Jugendliche schrittweise auf die Selbstständigkeit vorbereitet werden.
- Verlässliche Ansprechpersonen: Eine konstante Bezugsperson, die auch nach dem 18. Geburtstag noch da ist.
- Flexible Hilfen: Unterstützung sollte nicht an starre Kriterien (wie Ausbildung) geknüpft sein, sondern am individuellen Bedarf orientiert sein.
- Coming-Back-Optionen: Die Möglichkeit, bei Krisen wieder in die Betreuung zurückzukehren, sollte einklagbar sein.
- Peer-Beratung: Care Leaver helfen Care Leavern – Selbsthilfenetzwerke stärken das Selbstvertrauen.
Was Gemeinden und Politik tun können
Die Studie liefert klare Handlungsempfehlungen – nicht nur für die Kinder- und Jugendhilfe, sondern auch für Gemeinden, die sich als familienfreundlich bezeichnen wollen:
1. Rechtliche Rahmenbedingungen verbessern
- Ausweitung der Altersgrenze: Hilfen sollten bis 24–26 Jahre möglich sein – flexibel und bedarfsorientiert.
- Einklagbare Rückkehroptionen: Care Leaver müssen das Recht haben, bei Bedarf wieder Unterstützung zu erhalten.
- Automatische Übergangsfristen: Kein abruptes Ende der Hilfen mit 18, sondern stufenweiser Ausstieg.
2. Strukturelle Unterstützung ausbauen
- Wohnraum sichern: Sozialwohnungen oder betreute Wohngemeinschaften für Care Leaver.
- Finanzielle Hilfen: Stipendien, Startkapital für die erste Wohnung, kostenlose Rechtsberatung.
- Bildungschancen erhöhen: Nachhilfe, Berufsorientierung, flexible Ausbildungsmodelle für junge Menschen mit schwierigen Startbedingungen.
3. Fachkräfte stärken & sensibilisieren
- Mehr Personal: Sozialarbeiter:innen brauchen Zeit, um individuelle Lösungen zu entwickeln.
- Fortbildungen: Themen wie Traumapädagogik oder Partizipation von Care Leavern sollten Standard sein.
- Netzwerke schaffen: Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe, Arbeitsmarkt, Wohnungsbau und Gesundheitsversorgung.
4. Care Leaver einbeziehen
- Partizipation von Anfang an: Jugendliche müssen bei allen Entscheidungen, die sie betreffen, mitreden können.
- Peer-Beratung fördern: Care Leaver als Mentor:innen einsetzen – sie wissen am besten, was hilft.
- Stigmatisierung abbauen: Care Leaver sind keine „Problemfälle“, sondern junge Menschen mit besonderen Erfahrungen – und Stärken!
Familienfreundlichkeit zeigt sich im Umgang mit Care Leavern
Eine Gemeinde, die sich familienfreundlich nennt, darf Care Leaver nicht vergessen. Denn Familienfreundlichkeit bedeutet auch:
- Junge Menschen nicht fallen lassen, wenn sie 18 werden.
- Chancengleichheit schaffen – unabhängig von der Herkunft.
- Zuhören und handeln – nicht nur über Care Leaver sprechen, sondern mit ihnen.
Die Studie des ÖIF liefert konkrete Daten und Forderungen. Jetzt liegt es an uns allen – Politik, Verwaltung, Gemeinden und Bürger:innen – diese umzusetzen. Denn:
„Familie ist dort, wo man sich zugehört fühlt. Und Gemeinde ist dort, wo man Unterstützung findet.“


