Stellen Sie sich einen jungen Menschen vor. Nennen wir ihn Alex. Alex ist 19, hat die Pflichtschule abgeschlossen, aber danach den Faden verloren. Die Lehre abgebrochen, der Aushilfsjob hat nicht geklappt. Jetzt vergehen die Tage, ohne feste Struktur, ohne klares Ziel. Alex ist einer von rund 122.000 jungen Menschen in Österreich, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. In der Fachsprache werden sie als NEETs bezeichnet – eine Abkürzung aus dem Englischen für „Not in Employment, Education or Training“. Sie sind weder in Ausbildung noch erwerbstätig.
Aktuelle Zahlen der Statistik Austria [1] zeichnen ein detailliertes Bild dieser Gruppe und zeigen: Während die Gesamtzahl der 15- bis 24-jährigen NEETs in den letzten 15 Jahren relativ stabil geblieben ist, hat sich die Zusammensetzung dieser Gruppe markant verändert. Es ist eine stille Krise, die sich hinter den Türen vieler Familien abspielt und eine Herausforderung für unsere gesamte Gesellschaft darstellt.
Die Fakten: Wer sind die jungen Menschen ohne Perspektive?
Im Jahr 2023 zählten 121.930 junge Menschen zur Gruppe der NEETs, was einem Anteil von 12,9 % in dieser Altersgruppe entspricht. Eine genauere Analyse [2] offenbart tiefgreifende strukturelle Verschiebungen im Vergleich zu 2009:
- Migrationshintergrund: Der Anteil der NEETs mit Migrationshintergrund ist dramatisch gestiegen. Hatte 2009 noch etwa ein Drittel (39,2 %) dieser Jugendlichen einen Migrationshintergrund, so ist es heute mehr als die Hälfte (51,8 %). Diese Gruppe ist damit unter den NEETs stark überrepräsentiert.
- Bildungsstand: Die Bildungsschere klafft weiter auseinander. Der Anteil jener mit maximal einem Pflichtschulabschluss hat zugenommen und liegt nun bei 54,7 %. Gleichzeitig ist der Anteil derer mit einem Lehrabschluss deutlich gesunken.
- Geschlechterverhältnis: Während früher junge Frauen häufiger betroffen waren, hat sich das Verhältnis mittlerweile angeglichen. Die Herausforderung betrifft junge Männer und Frauen gleichermaßen.
| Merkmal | Entwicklung 2009 vs. 2023 |
| Anteil an 15-24 Jährigen | Stabil bei ca. 12,9 % |
| Anteil mit Migrationshintergrund | Gestiegen von 39,2 % auf 51,8 % |
| Anteil mit max. Pflichtschulabschluss | Gestiegen von 51,9 % auf 54,7 % |
| Anteil mit Lehrabschluss | Gesunken von 21,2 % auf 15,1 % |
Regional gibt es ebenfalls deutliche Unterschiede. Während Wien mit 17,7 % den höchsten NEET-Anteil verzeichnet, liegt er in Oberösterreich mit 10,5 % am niedrigsten. Generell zeigt sich, dass junge Menschen in städtischen Gebieten einem höheren Risiko ausgesetzt sind.
Der Faktor Zeit: Warum schnelles Handeln entscheidend ist
Die gute Nachricht ist: Der Zustand „NEET“ ist für viele nur eine temporäre Phase. Sechs von zehn Betroffenen finden innerhalb von zwei Jahren wieder den Anschluss – sei es durch eine Ausbildung, einen Job oder eine Maßnahme des Arbeitsmarktservice (AMS).
Doch die Daten zeigen auch eine beunruhigende Tendenz zur Verfestigung. Wer zwei Jahre in Folge als NEET gilt, hat es danach deutlich schwerer, wieder in Ausbildung oder Erwerbstätigkeit zu kommen. Es ist ein Teufelskreis aus schwindendem Selbstvertrauen, fehlender Tagesstruktur und wachsenden Lücken im Lebenslauf. Jeder Monat, der verstreicht, macht die Rückkehr schwieriger.
Die Rolle der Gemeinden und die Vision vom Landesprogramm familieplus
Hier kommt die Verantwortung der Gemeinschaft und insbesondere der Gemeinden ins Spiel. Als jene politische Ebene, die am nächsten an den Familien und Lebenswelten der jungen Menschen dran ist, haben sie einzigartige Möglichkeiten, präventiv zu wirken und Unterstützung zu leisten.
Die Initiative familieplus setzt genau hier an. Als Landesprogramm für vorarlberger Gemeinden zur Stärkung der Familienfreundlichkeit unterstützt familieplus Gemeinden dabei, systematisch an den Rahmenbedingungen für alle Generationen zu arbeiten. Für Jugendliche wie Alex kann das konkret bedeuten:
- Strukturierte Freizeitangebote: Ein offener Jugendtreff, Sportvereine oder Kulturinitiativen schaffen nicht nur sinnvolle Beschäftigung, sondern fördern soziale Kompetenzen, Selbstwirksamkeit und das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Sie bieten einen sicheren Hafen und Ansprechpartner außerhalb von Familie und Schule.
- Lokale Netzwerke schaffen: Eine familieplus-Gemeinde bringt Akteure zusammen. Sie kann den Dialog zwischen Schulen, lokaler Wirtschaft, Vereinen und Sozialarbeit fördern. So entstehen niedrigschwellige Beratungsangebote, Praktikumsplätze oder Mentoring-Programme direkt vor Ort.
- Übergänge begleiten: Der Übergang von der Schule in den Beruf ist eine kritische Phase. Gemeinden können durch Berufsorientierungsmessen, Bewerbungstrainings in Kooperation mit lokalen Betrieben oder durch die Unterstützung von Initiativen wie der „Ausbildungspflicht bis 18“ eine Brücke bauen.
- Anerkennung und Wertschätzung: Jugendliche brauchen das Gefühl, gebraucht zu werden. Gemeinden können Plattformen für jugendliches Engagement schaffen – sei es im Umwelt-, Sozial- oder Kulturbereich. Diese Erfahrungen stärken das Selbstbewusstsein und sehen im Lebenslauf gut aus.
Fazit: Es braucht das ganze Dorf
Die Zahlen der Statistik Austria sind mehr als nur Daten. Sie sind 122.000 persönliche Geschichten von jungen Menschen an einer entscheidenden Weggabelung. Sie zeigen uns, dass Herkunft und Bildung immer noch maßgeblich über Zukunftschancen entscheiden.
Es reicht nicht, nur auf die Reparaturmechanismen des AMS zu hoffen. Wir müssen früher ansetzen. Ein altes Sprichwort sagt: „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Um einen jungen Menschen auf seinem Weg zu begleiten, braucht es eine ganze Gemeinde. Eine Gemeinde, die hinschaut, die vernetzt und die handelt. Initiativen wie familieplus geben den Werkzeugkasten dafür in die Hand. Nutzen wir ihn, um für Alex und all die anderen jungen Menschen die Weichen auf Zukunft zu stellen.
Referenzen
[1] STATISTIK AUSTRIA (2026): Pressemitteilung: 120 000 Jugendliche weder in Ausbildung noch im Job.
[2] STATISTIK AUSTRIA (2026): Arbeitsmarkt im Fokus – NEETs im Wandel: Zahlen, Daten und Entwicklungen.


