familieplus-Landestreffen 2026: Was Jugendliche wirklich bewegt – und wie Gemeinden Antworten geben

group of people walking, from a baby to a senior
Lebensphasen

Donnerstag, 22.Oktober 2026

Ein Blick in die Jugendstudie „Lebenswelten 2025″ – und drei Vorarlberger Projekte, die Mut machen.

Stellen Sie sich Ihre Tochter vor, 15 Jahre alt. Sie sitzt am Abend am Küchentisch und sagt: „Ich hab Angst, dass unsere Familie zerbricht.“

Das klingt hart. Es ist aber keine Einzelschicksal. Genau diese Sorge steht ganz oben auf der Liste der Ängste junger Menschen in Vorarlberg. Das zeigt die Studie „Lebenswelten 2025″ der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Befragt wurden 1.427 Jugendliche der 8. bis 12. Schulstufe – repräsentativ für rund 21.000 junge Menschen im Land. Vorgestellt wurden die Ergebnisse beim familieplus-Landestreffen am 22. Oktober 2026.

Die wichtigsten Zahlen im Überblick – und was sie für den Alltag bedeuten:

Die größte Angst vieler Jugendlicher betrifft nicht die Welt da draußen. Sie betrifft das eigene Zuhause. 41 Prozent der Jugendlichen haben große Angst, dass ihre Familie zerbricht. Auf Platz zwei folgt die Angst vor einer schweren Krankheit, dann der Krieg in Europa und die Sorge, dass die eigene Familie verarmt.

Was die Studie zeigt: Sicherheit ist das große Thema

Zwischen „mir geht’s gut“ und „der Welt geht’s schlecht“ klafft ein Spalt. Viele Jugendliche sind persönlich zuversichtlich: Sie glauben, dass es ihnen einmal besser gehen wird als ihren Eltern. Gleichzeitig sehen sie die Zukunft der Gesellschaft düster. Die Studie nennt das eine Diskrepanz zwischen persönlicher Zuversicht und gesellschaftspolitischer Skepsis. Auf Deutsch: „Mein Leben kann gut werden – aber die Welt drumherum macht mir Sorgen.“

Der soziale Nahbereich ist der wichtigste Rückzugsort. Familie und Freund:innen geben Halt. Bei Problemen suchen Jugendliche zuerst das Gespräch mit Menschen, die ihnen nahe sind.

Psychische Belastungen nehmen zu – vor allem bei Mädchen. Beschwerden wie Schlafstörungen oder Niedergeschlagenheit haben seit 2020 zugenommen.

Jugendliche entfernen sich von der Politik – aber sie wollen mitreden. Das Interesse an Politik sinkt. Zugleich sagen 88 Prozent der Mädchen: „In der Politik sollten mehr junge Leute etwas zu sagen haben.“

Für Familien heißt das: Jugendliche brauchen vor allem eines – verlässliche Beziehungen und Orte, an denen sie Sicherheit finden. Und für Gemeinden? Sie können genau dort ansetzen. Drei Projekte aus Vorarlberg zeigen, wie das geht.

Wolfurt: Wenn 10- bis 14-Jährige echte Beschlüsse fassen

In der Marktgemeinde Wolfurt gibt es „Girls in Politics“. Ein Projekt, das Mädchen ermutigt, Politik kennenzulernen, mitzureden und mitzugestalten. Seit 2024 haben 47 Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren mitgemacht.

Ein Vormittag, vier Schritte: Erst lernen sich die Mädchen kennen. Dann gehen sie durchs Gemeindeamt und schauen, was eine Verwaltung eigentlich tut. Danach begleiten sie die Bürgermeisterin – politischer Alltag aus nächster Nähe. Und zum Schluss halten sie eine eigene Sitzung, wie eine echte Gemeinderatssitzung. Mit Ideen, Diskussionen und Beschlüssen.

Und jetzt kommt das Entscheidende: Die Beschlüsse werden umgesetzt. Die erste Gruppe wünschte sich Orte zum Treffen und Chillen. 2026 war es so weit – Jugendliche gestalteten im Graffiti-Workshop selbst die Wände, mit dem Spruch „z’Wolfurt dahoam!!!“. Eine andere Gruppe arbeitete zum Thema Mobilität: „Wie bewegt ihr euch und was bewegt euch?“ Die Ergebnisse wurden sogar bei einer überregionalen Plan-b-Sitzung vorgestellt. Aktuell laufen Aktionen wie die Obstbäume mit gelbem Band: Bäume, die alle ab­ernten dürfen, gekennzeichnet gemeinsam mit Jugendlichen.

Das Projekt kennt auch eine ehrliche Schwäche: die Zeitachse. Zwischen Beschluss und Umsetzung vergeht oft mehr als ein Jahr. Wer beschließt, ist bei der Umsetzung oft nicht mehr dabei. Hier ist die Gemeinde gefordert – mit Zwischenschritten, die sichtbar machen: Eure Idee ist nicht vergessen.

Was bleibt? Gelebte Demokratie. Politische Bildung. Und junge Frauen, die wissen: Meine Stimme zählt.

Bregenzerwald: „Good Vibes Only“ – wenn 30.000 Karten Selbstvertrauen verschenken

Psychische Belastungen junger Menschen nehmen zu. Schulischer Druck wächst. Soziale Medien verstärken Selbstzweifel. Darauf wollte man im Bregenzerwald nicht nur reagieren, sondern handeln. Herausgekommen ist „Good Vibes Only“, ein Projekt der Offenen Jugendarbeit Bregenzerwald.

aha plus: Ehrenamt, das sich lohnt – für Jugendliche und für die Gemeinde

Was bringt Jugendliche zum Bleiben und Mitmachen? Das Jugendservice aha hat darauf eine Antwort: aha plus. Eine Plattform, auf der Gemeinden und Vereine Engagement-Aktionen anbieten. Jugendliche melden sich an, machen mit – und sammeln Punkte.

Die Aktionen reichen vom Kuchenbacken für ein Demenzcafé in Dornbirn über die Hausaufgabenhilfe in den Lerncafés der Caritas bis zur Landschaftsreinigung in Lustenau. Es muss nicht gleich ein Dauercommitment sein: punktuelles Engagement ist ausdrücklich willkommen.

Für die Jugendlichen gibt es zweierlei: ein Dankeschön – vom Gutschein bis zum Tag bei der Landespolizeidirektion – und einen Engagement-Nachweis. Der listet auf, wie viele Stunden sie sich eingebracht haben. Ein guter Beleg für Bewerbungen.

Für Gemeinden und Vereine ist aha plus ein einfacher Weg, junge Menschen zu erreichen. Das Wichtigste: nicht nur Hilfe holen, sondern auch Danke sagen. So funktioniert der Ablauf: Die Gemeinde registriert sich, stellt Aktionen online, Jugendliche melden sich an – und nach der Aktion gibt es Punkte und Dankeschön.

Einen Termin sollten sich Gemeinden schon jetzt vormerken: die MACHWAS-Tage von 28. Juni bis 7. Juli 2027. Schulklassen von 12- bis 19-Jährigen arbeiten an „Projekten mit Sinn“. Zwei Beispiele: ein Zukunfts-Rundgang, bei dem Jugendliche der Gemeinde zeigen, welche Orte ihnen fehlen. Oder die Mithilfe bei der Gestaltung eines Spielplatzes.

Was alle drei Projekte gemeinsam haben

Ob Wolfurt, Bregenzerwald oder das ganze Land: Die Projekte folgen derselben Logik – und die passt zu dem, was die Studie zeigt.

Was Sie mitnehmen können

  1. Junge Menschen ernst nehmen. Nicht über sie reden, sondern mit ihnen. Ihre Beschlüsse, Ideen und Gefühle haben Konsequenzen.
  2. Niederschwellig anbieten. Ein Vormittag, eine Aktion, eine Karte. Wer mit kleinen Schritten beginnt, erreicht mehr Jugendliche als mit großen Plänen.
  3. Sichtbar danken. Wertschätzung ist der stärkste Kleber zwischen Generationen. Punkte, Nachweise, umgesetzte Ideen.
  4. Den sozialen Nahbereich stärken. Genau dort, wo Jugendliche laut Studie ihren Halt finden: in Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft und Gemeinde.

Die Studie zeigt Herausforderungen. Sie zeigt aber auch: Junge Menschen wollen dazugehören, mitgestalten und gehört werden. Das ist eine Chance für jede Gemeinde.

  • Für Gemeinden und Vereine: Registrieren Sie sich bei aha plus und stellen Sie eine erste Aktion online. Infos gibt es auf www.ahaplus.at.
  • Für Schulen und Gemeinden: Merken Sie sich die MACHWAS-Tage vor (28. Juni bis 7. Juli 2027).
  • Für Eltern und alle, die mit Jugendlichen leben: Nehmen Sie die Sorgen Ihrer Kinder ernst – vor allem die Sorge ums Zuhause. Sie ist die größte Angst der Jugendlichen in Vorarlberg. Gespräche, Verlässlichkeit und gemeinsame Zeit sind der beste Schutz.

Oder kurz gesagt: Jugendfreundlichkeit ist kein Projekt mit Enddatum. Sie ist eine Haltung. Und sie beginnt mit einer einfachen Frage an die jungen Menschen vor Ort: „Was ist euch wichtig?“


Quellen: